Die Sektion Anhalt und die alpinistische Erschließungsgeschichte der Lechtaler Alpen

Nachdem bereits 1869 der Deutsche Alpenverein gegründet worden war, keimte ab den 1880er Jahren auch in Anhalt der Wunsch, eine eigene Alpenvereinssektion zu gründen. Federführend war hierbei der aus Dessau stammende Oberlehrer Georg LEONHARDT, der zugleich Mitglied der Alpenvereinssektion Leipzig war. Auf dessen Anregung hin trafen sich im Jänner 1895 vierzehn Herren zu Vorbesprechungen und gründeten schließlich am 3. Februar 1895 die Sektion Anhalt. Zum Zeitpunkt der Gründung umfasste die Sektion 60 Mitglieder. 


In den folgenden Jahren wuchs die Sektion an Mitgliedern; zugleich entstand ein reges Vereinsleben, wovon die einzelnen Jahresberichte Zeugnis abliefern. Mit dem Anwachsen der Mitgliederzahl entwickelte sich in der zweiten Hälfte der 1900er-Jahre zunehmend der Wunsch, eine eigene Hütte zu errichten und aktiv zur Erschließung der Alpen beizutragen. Zu diesem Zweck verfolgte die Sektion verschiedene Projekte, wie etwa auf der Pfeisalpe im Karwendel oder im Gebiet der Wild- und Schafberggruppe in Vorarlberg. Diese scheiterten jedoch aus unterschiedlichsten Gründen.
Ab 1907 rückte das bis dahin weitgehend unerschlossene Heiterwandgebiet in den östlichen Lechtaler Alpen als möglicher Standort für ein Hüttenprojekt in den Fokus der Bestrebungen der Sektion Anhalt. Ausschlaggebend waren freundschaftliche Verbindungen zwischen dem langjährigen Schriftführer der Sektion Anhalt, Musikdirektor August THEILE und dem zeitweiligen Obmann der Sektion Imst, Karl DEUTSCH dem nunmehrigen Bürgermeister der Stadt Imst.

Ab 1910 nahm das Hüttenprojekt der Sektion Anhalt konkrete Gestalt an und im folgenden Jahr konnte mit den Bauarbeiten im Bereich des Kromsees, nördlich der Heiterwand, begonnen werden. Nach kurzer Bauzeit konnte die Hütte schließlich am 26. Juli 1912 feierlich eingeweiht werden. Parallel dazu entstand am nahegelegenen Grubigjoch mit der Heiterwandhütte noch eine zweite, wenngleich kleinere und unbewirtschaftete Hütte der Sektion. Im Zuge des Hüttenbaus errichtete die Sektion Anhalt auch ein entsprechendes Wegenetz und trug somit wesentlich zur Erschließung dieses Teils der Alpen bei. Maßgeblich zur Realisierung dieses Projektes trugen der damalige Vorsitzende Prof. Max BÖLCKE und der Schriftführer August THEILE bei.


Im Rahmen meines Forschungsprojektes an der Universität Innsbruck beschäftige ich mich mit der alpinistischen und touristischen Erschließungsgeschichte der östlichen Lechtaler Alpen bis zum Beginn des Ersten
Weltkrieges (1914) und hierbei insbesondere mit der Rolle des Alpenvereins und den in der Region tätigen Sektionen (u. a. Anhalt, Hanau, Imst). Ein Fokus liegt hierbei auf den inneren Strukturen der einzelnen
Alpenvereinssektionen. Dabei stellen sich unter anderem folgende Fragen:

  • Wie waren diese organisiert?
  • Wer waren die Entscheidungsträger?
  • Wie lief das Hüttenprojekt im Detail ab?
  • Wie gestalteten sich die Netzwerke zwischen den einzelnen Sektionen?
  • Mit welchen Problemen waren die Sektionen konfrontiert und wie wurden diese gelöst?

Die Erschließung der Lechtaler Alpen erfolgte nicht spontan, sondern war das Ergebnis einer komplexen Gemengelage infrastruktureller, ökonomischer und ideengeschichtlicher Prozesse. Diese Erschließungsprozesse waren keineswegs immer zielgerichtet und homogen. Die Vielzahl beteiligter Akteure mit teils stark divergierenden Motiven lässt das Bild eines linearen Prozesses fragwürdig erscheinen. Vielmehr liegt ein komplexes Wechselspiel gesellschaftlicher, ideeller sowie infrastruktureller Einflussfaktoren vor. 


Die Quellenbasis des Projektes ist breit gefächert: Neben zeitgenössischen Reiseführern und Postkarten dienen u. a. die Bestände des DAV-Archivs in München und jene der Sektion Anhalt-Dessau als zentrale Quellen.

Da sich die Erschließungsgeschichte der Region jedoch auch auf informeller Ebene abspielte, die sich in den Vereinsschriften kaum widerspiegelt, bin ich aktuell auf der Suche nach weiteren geeigneten Quellen privater Natur, wie etwa Nachlässen, Briefen, oder ähnlichem von den damaligen (Vorstands-)Mitgliedern der Sektion Anhalt-Dessau aus der Zeit vor 1914. Ich bin für jede Anregung dankbar.

Personen, die über entsprechendes Material verfügen, werden gebeten, sich bei Steffen Zimmermann zu melden. Vielen Dank!

Lukas Penz
Jg. 1997, Lehramtsstudium Geschichte, Sozialkunde, Politische Bildung/Geographie & Wirtschaftskunde sowie Ethik im Erweiterungsfach an der Universität Innsbruck (BEd 2021, MEd 2024). Masterarbeit zum Thema „Alpenverein und Grenzziehung nach dem Ersten Weltkrieg“. Selbst begeisterter Bergsteiger. Langjährige ehrenamtliche Tätigkeiten im Österreichischen Roten Kreuz.